Beziehung

Wenn die Kinder ausziehen, bleiben oft Leere und viele Fragen. Was ist das Empty-Nest-Syndrom? Wie gelingt Loslassen, Neuorientierung und ein neuer Lebensabschnitt?

Die Kinder sind erwachsen. Das Kinderzimmer ist leer. Und plötzlich ist da ganz viel Platz aber auch ganz viel Stille. Viele Eltern freuen sich darauf, wenn ihre Kinder selbstständig werden. Schließlich war es das Ziel der Erziehung, ihnen Flügel zu geben und sie auf ihr eigenes Leben vorzubereiten.
von Lebenswegedialog
Wenn die Kinder ausziehen, bleiben oft Leere und viele Fragen. Was ist das Empty-Nest-Syndrom? Wie gelingt Loslassen, Neuorientierung und ein neuer Lebensabschnitt?

Und trotzdem kann der Moment, in dem das Kind tatsächlich auszieht, überraschend schmerzhaft sein. Vielleicht ist da Stolz. Vielleicht Erleichterung. Vielleicht Freude für das eigene Kind.

Und gleichzeitig Traurigkeit, Leere oder sogar das Gefühl: „Was mache ich jetzt eigentlich mit meinem Leben?“

Diese widersprüchlichen Gefühle sind nicht ungewöhnlich. In diesem Zusammenhang wird häufig vom Empty-Nest-Syndrom oder auf Deutsch vom Leeren-Nest-Syndrom gesprochen. Es beschreibt die emotionale Reaktion, die auftreten kann, wenn Kinder das Elternhaus verlassen. Es handelt sich dabei nicht um eine eigenständige psychische Erkrankung.

Wenn das Zuhause plötzlich still wird

 Jahrelang war der Alltag auf die Familie ausgerichtet. Schultermine, Essen kochen, Fahrdienste, Hausaufgaben, gemeinsame Wochenenden, Gespräche, Sorgen und Freuden. Auch wenn die Kinder mit zunehmendem Alter selbstständiger werden, bleiben sie häufig ein wichtiger Mittelpunkt des Familienlebens. Und dann kommt der Tag des Auszugs. Das Zimmer ist leer.

Niemand kommt mehr selbstverständlich zur Tür herein. Niemand fragt: „Was gibt es zum Essen?“

Der Kühlschrank bleibt voller. Das Haus wird ruhiger. Und manchmal wird genau diese Ruhe plötzlich sehr laut.

„Ich vermisse mein Kind, aber ich freue mich doch für sie/ihm.“

Das kann sich widersprüchlich anfühlen. Vielleicht sagen Eltern: „Natürlich freue ich mich, dass mein Sohn seinen eigenen Weg geht.“ Oder: „Ich bin stolz auf meine Tochter. Warum bin ich dann so traurig?“

Beides darf gleichzeitig existieren. Loslassen bedeutet nicht, dass die Liebe weniger wird.

Im Gegenteil:

Manchmal bedeutet Loslassen, die Beziehung neu zu gestalten. Aus dem Kind, um das man sich täglich gekümmert hat, wird ein erwachsener Mensch mit einem eigenen Leben. Das kann eine große Veränderung für beide Seiten sein.

Empty-Nest-Syndrom: Welche Gefühle können auftreten?

Jeder Mensch erlebt den Auszug der Kinder anders.

Mögliche Gefühle sind beispielsweise:

Manche Eltern erleben die neue Freiheit dagegen als große Erleichterung. Auch das ist völlig in Ordnung. Es gibt keine richtige Reaktion auf den Auszug eines Kindes.

Wenn die eigene Identität stark mit der Elternrolle verbunden war

Besonders herausfordernd kann der Übergang sein, wenn sich das eigene Leben über viele Jahre stark um die Kinder gedreht hat. Vielleicht wurden eigene Wünsche zurückgestellt. Vielleicht wurde eine berufliche Entwicklung unterbrochen. Vielleicht sind Freundschaften weniger geworden. Vielleicht waren Hobbys irgendwann nicht mehr wichtig.

Und plötzlich ist Zeit da. Sehr viel Zeit. Dann stellt sich eine Frage, die zunächst unangenehm sein kann: „Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mehr jeden Tag Mutter oder Vater sein muss?“ Das ist keine egoistische Frage. Es ist eine wichtige Frage nach der eigenen Identität.

Wenn die Kinder ausziehen und die Partnerschaft plötzlich wieder im Mittelpunkt steht

Für viele Paare beginnt mit dem Auszug der Kinder ebenfalls ein neuer Lebensabschnitt. Jahrelang war der Alltag auf die Familie ausgerichtet. Die Kinder standen im Mittelpunkt, und viele Gespräche drehten sich um sie. Wenn diese gemeinsame Aufgabe plötzlich wegfällt, wird die Partnerschaft wieder stärker sichtbar.

Und das kann schön sein. Es kann aber auch schwierig werden. Manche Paare merken: „Wir haben uns als Paar aus den Augen verloren.“ Vielleicht müssen sie erst wieder lernen, miteinander Zeit zu verbringen. Vielleicht haben sie unterschiedliche Vorstellungen davon, wie das Leben jetzt aussehen soll. Der Auszug der Kinder kann deshalb auch eine Gelegenheit sein, die Beziehung neu zu entdecken.

Was tun, wenn die Kinder ausgezogen sind?

Die wichtigste Frage lautet nicht: „Wie werde ich möglichst schnell wieder glücklich?“

Sondern: „Wie möchte ich diesen neuen Lebensabschnitt gestalten?“ Dabei kann es helfen, zunächst innezuhalten.

1. Die Traurigkeit darf da sein

Sie müssen Ihre Gefühle nicht wegschieben. Wenn Sie Ihr Kind vermissen, bedeutet das nicht, dass Sie es nicht loslassen können. Trauer und Freude können gleichzeitig vorhanden sein.

2. Den Kontakt neu gestalten

Die Beziehung zu einem erwachsenen Kind verändert sich. Vielleicht telefonieren Sie regelmäßig. Vielleicht gibt es einen gemeinsamen Sonntag im Monat. Vielleicht schreiben Sie sich Nachrichten. Wichtig ist, eine Form der Verbindung zu finden, die beiden Seiten guttut.

3. Sich selbst wieder entdecken

Fragen Sie sich: Was hat mir früher Freude gemacht? Was wollte ich schon lange einmal ausprobieren? Was habe ich für meine Familie zurückgestellt? Welche Menschen möchte ich wieder häufiger sehen? Was wünsche ich mir für die nächsten fünf oder zehn Jahre? Es müssen keine großen Veränderungen sein. Manchmal beginnt ein neuer Lebensabschnitt mit einem kleinen Schritt.

4. Die Partnerschaft neu kennenlernen

Vielleicht ist jetzt wieder mehr Zeit für gemeinsame Unternehmungen. Ein Wochenende zu zweit. Ein gemeinsames Hobby. Ein regelmäßiger Abend ohne Handy und Fernseher. Oder einfach wieder miteinander sprechen, nicht nur über die Kinder.

5. Eine neue Aufgabe oder Herausforderung suchen

 Für manche Menschen ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt für eine berufliche oder persönliche Neuorientierung. Vielleicht möchten Sie sich weiterbilden. Vielleicht beruflich etwas verändern. Vielleicht reisen. Vielleicht sich ehrenamtlich engagieren. Vielleicht etwas beginnen, für das all die Jahre keine Zeit war. Das Leben nach dem Auszug der Kinder muss nicht kleiner werden. Es darf anders werden.

Wenn aus Leere Einsamkeit wird

Eine gewisse Wehmut nach dem Auszug ist normal. Wenn die Leere jedoch über längere Zeit anhält und Sie sich zunehmend zurückziehen, keine Freude mehr empfinden oder das Gefühl haben, mit Ihrem Leben nichts mehr anfangen zu können, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Denn manchmal steckt hinter dem Empty-Nest-Gefühl mehr als die Sehnsucht nach dem Kind.

Vielleicht fehlen soziale Kontakte. Vielleicht gibt es Schwierigkeiten in der Partnerschaft. Vielleicht wurde die eigene Identität jahrelang ausschließlich über die Familie definiert. Oder vielleicht steht ohnehin eine größere Veränderung im Leben bevor. Dann kann professionelle Beratung helfen, die eigenen Gedanken zu sortieren und neue Perspektiven zu entwickeln.

Der Auszug ist nicht das Ende der Familie

Ein Kind, das auszieht, verschwindet nicht aus unserem Leben. Die Beziehung verändert sich. Aus täglicher Nähe kann eine andere Form von Nähe werden. Aus Fürsorge wird Vertrauen. Aus Erziehen wird Begleiten. Und aus „Ich muss für dich da sein“ kann irgendwann ein gegenseitiges „Wir sind füreinander da“ werden. Vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe dieser Lebensphase: Nicht festzuhalten, was war, sondern herauszufinden, was jetzt möglich ist.

Was kommt jetzt?

Vielleicht ist die Antwort auf diese Frage noch nicht klar. Und das ist in Ordnung. Sie müssen nicht sofort einen neuen Lebensplan haben. Manchmal beginnt Neuorientierung damit, sich selbst wieder zuzuhören. Was möchte ich? Was brauche ich? Was macht mich lebendig? Und wie soll mein Leben aussehen, wenn die Kinder ihren eigenen Weg gehen? 

Als Lebens- und Sozialberaterin begleite ich Menschen in Veränderungsphasen, bei persönlichen Krisen und bei der Neuorientierung.

Auch der Auszug der Kinder kann eine solche Übergangsphase sein. Nicht weil etwas falsch gelaufen ist. Sondern weil ein wichtiger Lebensabschnitt zu Ende geht und ein neuer beginnt.

Das Nest darf leerer werden. Aber Ihr eigenes Leben darf wieder voller werden.

Lebenswegedialog

Christina Fried, MSc
Psychologische Beratung

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